Sonntag, 07.05.2006
16:30 - 17:15 Uhr, hr fernsehen      
Reisewege zur Kunst
Die Reiselust des Dr. Freud - Ein Psychoanalytiker in Italien

Lange bevor er sie mit eigenen Augen sah, hatte er ausgiebig von ihr geträumt, in Nachtfantasien voller Rätsel. Diese Traumbilder von der 'ewigen Stadt' Rom sollten ihm Stoff für ausführliche Analysen werden und waren schließlich die Grundlage für seine Entdeckung des Ödipuskomplexes. Sigmund Freud, der Traumdeuter, Wissenschaftler, Psychoanalytiker, hat Rom dann tatsächlich siebenmal besucht. Seine Sehnsucht nach der Hauptstadt der Antike war unstillbar. Freud war überhaupt ein leidenschaftlicher Reisender. Das Jahr über schuftete der Begründer der Psychoanalyse mit eiserner Disziplin täglich 16 Stunden, jeweils bis zum nächsten Sommer. Dann machte er frei - drei Monate lang. Ein Drittel der Zeit widmete er seiner Familie, zumindest äußerlich. Denn er nutzte die Sommerfrische auch, um Buchprojekte zu vollenden. 'Die Traumdeutung', 'Der Wahn und die Träume in W. Jensens 'Gradiva'', 'Totem und Tabu' sind umfassende, in der familiären Ferienruhe verfasste Werke, von denen er zeitlebens meinte, sie seien das Beste, was er je geschrieben habe. Für den Rest seiner Ferien aber zog es ihn in den Süden, nach Griechenland, nach Italien, um der Wiege des Abendlandes nachzuspüren, auf der Suche nach dessen Bildern und Mythen. Als nichtgläubiger Jude wollte er sich das christlich-europäische Kulturerbe einverleiben und sich in ihm spiegeln. Er reiste dabei niemals alleine, sondern stets in Begleitung des Bruders, der Schwägerin Minna oder eines seiner Schüler. Seine Reisen in die fernen Welten der Antike verstand er auch als Expeditionen ins Innere, in die Landschaften der Seele, die er entdecken, erforschen und erobern wollte. So verglich er die Ruinen der Antike mit dem von ihm entdeckten Unbewussten und bezeichnete seine Psychoanalyse als Archäologie der Seele. Auf der Akropolis in Athen - in der Antike die Spielstätte des 'König Ödipus' von Sophokles - erkannte er auch seinen eigenen, unbewussten Wusch, den Vater zu überwinden. Im antiken Selinunte auf Sizilien bewunderte er auf dem Trümmerfeld verwüsteter Heiligtümer nicht deren Schönheit, sondern ihre Zerstörung durch Hannibal, diesem mutigen semitischen Eroberer aus Karthago, mit dem er sich als Schüler identifizierte, um seinen schwachen Vater zu rächen. Wo immer Freud auf seinen Reisen in den Süden hinkam, er nutzte alles für die Entschlüsselung des unbewussten Seelenlebens, zunächst seines eigenen, schließlich des kollektiven. Zentrales Erlebnis aber blieb Rom und die überwältigende Begegnung mit der Plastik des Moses von Michelangelo, die Freud in der Kirche San Pietro di Vincoli täglich besuchte. Sie rückte ins Zentrum seines Interesses, seiner Faszination, denn er sah darin sich selbst: den zornigen, beherrschten und das 'Gesetz des Vaters' bewahrenden 'Religionsstifter' der Psychoanalyse. Freuds Reisetagebücher sind leider verlorenen gegangen, doch die Briefe, die er unterwegs fast täglich an seine Frau Martha schrieb, sind erhalten und eine minuziöse Chronik seines Unterwegsseins: Schilderungen der Stationen, die er bereiste, sehr persönlich gehaltene und manchmal geradezu schwärmerische Berichte über seine Erlebnisse. Der Film von Henning Burk rekonstruiert Freuds äußere und innere Reisen, führt zu den Orten in Italien, Griechenland und Frankreich, an denen Freud seine zahlreichen Entdeckungen und geistigen Eroberungen machte, vergegenwärtigt seine Traumerlebnisse und Traumerkenntnisse.