Er zählte bis zum Jubiläumsjahr 2003 zu den ungehobenen Schätzen der Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts: Der Nachlass des Schriftstellers und Kunsttheoretikers Wilhelm Heinse in der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Zu Heinses 200. Todestag erschienen seine Aufzeichnungen in zwei Textbänden, die in Presse und Fachwelt für Aufsehen sorgten. Nun liegen ab dem 24. September 2005 drei Kommentarbände (im Carl Hanser Verlag) zu diesem wichtigen Manuskript der europäischen Klassik vor. Die Gerda Henkel Stiftung, Düsseldorf, unterstützte das umfangreiche Projekt während der gesamten Bearbeitungsdauer von fünf Jahren mit Fördermitteln in Höhe von 700.000 Euro.

Der Frankfurter Nachlass des europäischen Universalgelehrten Wilhelm Heinse (1746-1803) ist aufgrund seiner thematischen Breite und ästhetischen Dichte ein faszinierendes Werk von weltliterarischer Bedeutung. 64 gebundene Notizbücher erzählen von Heinses ausgiebigen Reisen und entfalten ein Panorama der Kunst, Literatur, Musik und Philosophie im Europa des 18. Jahrhunderts. In seinen umfassenden Reisenotizen beschreibt Heinse akribisch Werke der bildenden Kunst und kommentiert teilweise längst untergegangene Sammlungen. Neben Erinnerungen an Opernbesuche finden sich in den Heften Analysen von Partituren, kunst- und musiktheoretische Reflexionen und auch eigene literarische Fragmente des Dichters und Übersetzers. Die Notizbücher enthalten Auszüge aus den Schriften Machiavellis und Guicciardinis sowie aus florentinischen Handschriften des 16. Jahrhunderts und geben Einblick in Heinses Auseinandersetzung mit der antiken und modernen Geschichtsschreibung, mit Platon und Rousseau sowie mit dem idealen Staat. Eingesponnen in diese Gedankenwelt stellt der utopische Demokrat Überlegungen zur Geschichte der Sexualität und zur freien Liebe an.

Seit 1999 unterstützt die Gerda Henkel Stiftung ein Forschungsprojekt, das von dem Literaturhistoriker Prof. Dr. Norbert Miller (Berlin), dem Kunsthistoriker Prof. Dr. Thomas W. Gaehtgens (Berlin), dem Musikhistoriker Prof. Dr. Werner Keil (Berlin), dem Historiker Prof. Dr. Volker Hunecke (Detmold/Paderborn) und dem Archäologen Prof. Dr. Adolf H. Borbein (Berlin) ins Leben gerufen wurde. Der Nachlass des Universalisten Wilhelm Heinse, so das anspruchsvolle Vorhaben, sollte vollkommen neu ediert und erstmals für Fragen der europäischen Kulturgeschichte nutzbar gemacht werden. Die Koordination des Unternehmens lag in den Händen von PD Dr. Markus Bernauer (Berlin), zahlreiche Bearbeiter aus unterschiedlichen Fachdisziplinen waren fünf Jahre lang mit der Neutranskription des Nachlasses und dem wissenschaftlichen Kommentar beschäftigt. Die Gerda Henkel Stiftung hat 1999 und 2001 Fördergelder für die anfallenden Personal-, Reise- und Sachkosten bereitgestellt und den Druck aller fünf Bände ermöglicht.

Die 2003 veröffentlichten Textbände erschließen ein gewaltiges Panorama des Wissens im 18. Jahrhundert, das von der bildenden Kunst und der Musik, der Literatur und der Ästhetik, der Philosophie und dem Staatsrecht bis zur Medizin reicht. Die italienische Kultur ist ebenso gegenwärtig wie die deutsche, die vorrevolutionäre und die revolutionäre Kultur Frankreichs finden sich neben der englischen Politik wieder. Am 24. September 2005 erscheinen im Carl Hanser Verlag München drei Kommentarbände, die weit mehr als einen Stellenkommentar zu den Textbänden bieten. Während die Bände III und IV den eigentlichen Kommentar enthalten, versammelt Band V unpublizierte Briefe von und an Wilhelm Heinse und verfügt über einen umfangreichen wissenschaftlichen Anhang. Dieser umfasst die erste Personalbibliographie der Werke und der wissenschaftlichen Literatur zu Heinse, drei Nachworte über die Entstehung, den Bestand und die Geschichte des Frankfurter Nachlasses, 128 Bildtafeln, die neben den Textabbildungen die Lektüre von Aufzeichnungen und Kommentaren veranschaulichen, sowie zwei umfangreiche Register, über die der gesamte Text erschlossen werden kann. Ein langjähriges und arbeitsintensives Forschungsprojekt findet mit der vollständigen Edition und Kommentierung eines der bedeutendsten Manuskripte der europäischen Klassik einen erfolgreichen Abschluss.

>> Die Kommentarbände (ab 24. September 2005):
Wilhelm Heinse: Die Aufzeichnungen. Frankfurter Nachlass. Hrsg. von Markus Bernauer, Adolf Heinrich Borbein, Thomas W. Gaehtgens, Volker Hunecke, Werner Keil und Norbert Miller
Band III: Kommentar zu Band I
Band IV: Kommentar zu Band II
Band V: Verstreute Texte und Briefe. Bibliographie. Nachworte. Bildtafeln. Anhang. Register
München 2005


>> Die Textbände:
Wilhelm Heinse: Die Aufzeichnungen. Frankfurter Nachlass. Hrsg. von Markus Bernauer, Adolf Heinrich Borbein, Thomas W. Gaehtgens, Volker Hunecke, Werner Keil und Norbert Miller
Band I: Erfurt, Halberstadt und erster Düsseldorfer Aufenthalt - Die Reise nach Italien
Band II: Zweiter Düsseldorfer Aufenthalt - Mainzer Zeit - Letzte Jahre in Aschaffenburg - Die Sammelhefte 1768-1803
München 2003

>> Weitere Informationen:
> http://www.tu-berlin.de/fb1/heinse_edition/index.html (Homepage des Heinse-Projekts)
> http://www.hanser.de/ (Carl Hanser Verlag)
> http://www.gerda-henkel-stiftung.de (Gerda Henkel Stiftung)