Man sollte gewarnt sein. Die Auseinandersetzung mit den Arbeiten Dieter Wagners könnte erhebliche Wirklichkeitsstörungen hervorrufen. So jedenfalls impliziert es der thematische Leitfaden seiner aktuellen Ausstellung: „Die Wirklichkeit stören.“

Die Wirklichkeit stören? Man wird sich zu Recht fragen, wie das gehen soll. Die Wirklichkeit lässt sich nicht stören, sie ist wie sie ist. Träge und selbstgefällig lässt sie uns machen, ohne dass sich an ihr etwas ändert. Wie viel Anstrengung wir auch aufbringen mögen, von Störung kann keine Rede sein. Was interessiert es den Mond, wenn ihn der Wolf anheult?

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Denn Wirklichkeit ist zugleich immer auch wahrgenommen, und erst durch unsere Wahrnehmung wird sie für uns – tja, was eigentlich? Wirklich eben. Unsere Wahrnehmung von ihr lässt sich also durchaus „stören“, in Unruhe bringen, variieren, einfärben, aufbrechen – welche Begrifflichkeiten man auch immer bemühen mag: am Schluss ist die Wirklichkeit unserer Wahrnehmung dann doch irgendwie eine andere als zuvor. Auf ihrer Grundlage, auf der Grundlage unserer Wahrnehmung von wirklichen Verhältnissen also, vollzieht sich aber all unser Handeln. Und so lässt sich am Ende dann doch auch die Wirklichkeit selber stören und transformieren.

Doch da ist noch ein Zusatz im Ausstellungstitel, der uns Kopfzerbrechen bereiten könnte: „mit Träumen“ nämlich soll die Wirklichkeit gestört werden. Das scheint nun doch noch eine ganze Stufe rätselhafter. Denn mit Träumen ist es ja so eine Sache: wer träumt, ändert nichts. Oder ist es doch ganz anders? ...

 

Wenn wir von Träumen reden, so hat unser allgemeiner Sprachgebrauch doch im Großen und Ganzen zwei Bedeutungen vor Augen. Zum einen denken wir an den klassischen Nachttraum, der vor allem den Tiefenpsychologen so viel Spaß macht, zum anderen schwebt uns der ab und an auch mit dem Terminus der „Träumerei“ belegte Tagtraum vor, zu dem wir vor allem dann tendieren, wenn uns die Wirklichkeit besonders unerträglich, oder auch nur unerträglich langweilig erscheint. Beide Traumtypen könnten dabei nicht unterschiedlicher sein.

Erklärt sich der klassische Nachttraum in aller Regel durch ein scheinbar wirres Aufeinandertreffen real unzusammengehöriger Elemente, so hat er doch seine ganz eigene Logik und Dramaturgie. Was nicht passt, wird passend gemacht – jedenfalls in der Naturgesetzlichkeit unserer Nachtträume. Und uns bleibt auch gar nichts anderes übrig, als das zu schlucken. Die Wahrnehmung dessen, was die Wirklichkeit eines Nachttraumes ausmacht, ist eine durch und durch unhinterfragte. Wenn wir von fliegenden Hunden träumen, tun wir das eben. Kein Grund, da aufzumerken. Die wildesten und unsinnigsten Konstellationen und dramaturgischen Abläufe folgen im Traum ihrer eigenen Gesetzlichkeit. Da kann man nichts machen. Die Tatsache, dass wir sozusagen in einen jeweiligen Traum hineingeworfen werden, dass es also für Nachtträume keinen Anfang gibt, sondern wir uns ihrer an irgendeinem Punkt der Handlung schlicht irgendwie bewusst werden, verstärkt noch einmal die zwingende Kraft der unhinterfragbaren Gültigkeit ihrer ganz eigenen Logik. Noch nicht mal ein richtiges Ende kennen unsere Träume. Entweder schlafen wir in sie hinein erneut ein und gehen in einen Zustand der Unbewusstheit über, oder aber wir wachen schlichtweg auf. Dann allerdings können wir – endlich, endlich – an ihrem scheinbar sinnlosen Zusammenstellen unzusammengehöriger Elemente herumanalysieren und versuchen zu begreifen, was der Künstler, pardon, unser Unterbewusstsein uns da wohl sagen wollte.

Beim Tagtraum verhält es sich dagegen völlig anders. Hier sind wir es, die Logik, Regeln und Gesetze diktieren, Farben, Formen und Ereignisse auswählen, zuordnen und wieder eliminieren. Im Tagtraum sind wir sozusagen der Chef im Ring, da mischt sich nichts und niemand ein. Umso illusorischer ist die ganze Sache dann in aller Regel aber auch. Tagträumer gelten nicht selten als „Träumer“ im negativsten aller Sinne. Sie malen sich Konstellationen aus, die von der Wirklichkeit nur mit einem verächtlichen Blick bedacht, wenn nicht gar verlacht werden. Utopien sind es, die unsere Tagträume in aller Regel bestimmen, private oder kosmopolitische – mit den Verhältnissen der Gegenwart haben sie jedoch weniger als nichts gemein.

Wo aber lassen sich nun diese Attribute der beiden Traumtypen in den Arbeiten Dieter Wagners wiederfinden? Und wie lässt sich da von Wirklichkeitsstörung sprechen? – Sicher, dem Künstler per se gesteht man Tagträumerei, Fantasterei, Luftschlossbauerei und ähnliches gerne zu. Hat er doch sonst nichts zu tun – gesellschaftlich relevant ist statt dessen nüchtern in der Wirklichkeit verankertes Everydayeinerlei nach Regeln und Gesetzen von solchem, das sich lange, lange und noch viel länger immer wieder bewährt hat. Da kann man sich zurück lehnen und beruhigt leben. Die Dinge sind wie sie sind und basta. Was will da jemand an der Wirklichkeit herumstören? Und wozu?

Wirft man einen Blick auf ein beliebiges Werk Dieter Wagners, so wird man feststellen: die Elemente der beiden Traumtypen lassen sich nie so ganz verleugnen. Mal überwiegt das eine, mal das andere, meistens aber sind sie allesamt präsent und bestimmend wirksam. Die Konstellationen des Nachttraumes sind oft genug grundlegendes Strukturierungselement. Nicht selten finden sich Menschen in scheinbar absurden, oftmals abstrakten Landschaften und Situationen wieder, denen sie beikommen müssen. In „The lost shopping list“, einem der jüngsten Werke Wagners, beobachten wir eine ausgesprochen inhomogene Gruppe von Menschen dabei, wie sie verärgert und verzweifelt durch eine felsige Landschaft stapfen, verbissen auf der Suche nach – genau, der Titel lässt es uns wissen – einer verlorenen Einkaufliste. Absurd genug, um einem Nachttraum entsprungen zu sein? Mit Sicherheit. Wenn wir jedoch beginnen, das Vor und Nach dieser Momentaufnahme ergründen zu wollen, leuchtet auf, inwiefern wir auch hier einem zweiten Attribut des Nachttraumes erlegen sind. Hineingeworfen in eine bestehende Dramaturgie, die kein Hinterfragen ihrer Herkunft zulässt, müssen wir akzeptieren, was uns da geboten wird, wenn wir uns zurecht finden wollen. Ganz wie im Nachttraum. Oder aber wir können „aufwachen“, also die Dramaturgie des Traumes hinterfragen, in sich zusammenfallen lassen, und damit seine Wirklichkeit im besten Sinne „stören“. Wollten wir da nicht hin? Hier sind wir also.

Ob das immer so gut ist, bleibt eine zweite Frage. In der umfangreichen Serie der Akrobatenbilder unter dem Titel „Auf-Wand“ tun wir gut daran, nicht allzu viel Störung zu verursachen, sofern wir nicht wollen, dass die fragilen, oft allen Gesetzen der Schwerkraft widersprechenden akrobatischen Figuren in sich zusammenbrechen. Es ist offensichtlich: manchmal ist es doch besser, dasjenige, was wir nicht verstehen, eben gerade nicht nach unseren Vorstellungen umformen zu wollen. Warum die Menschen, die wir dort zu sehen bekommen, überhaupt derart seltsame Bewegungsmuster in Gang gesetzt haben, bleibt uns ohnehin – nachttraumgemäß – verborgen. An ihnen aber herumzurütteln, würde unter Umständen fatale Folgen haben.

Wie aber verhält es sich mit den Strukturen des Tagtraumes? Natürlich, der Künstler ist der Regelgeber seiner Werke, und selbst in zahlreichen Abbildungen realer Personen (in Wagners Fall in der überwiegenden Zahl Aktzeichnungen, aber auch hier und da ein vom Betreffenden selbst handsigniertes Portrait solcher illustrer Köpfe wie Bob Marley oder Dizzy Gillespie) ist die spezifische Wahrnehmung des Werkgebers unverkennbar. Da ist der Künstler in jedem Fall Tagträumer. Aber vielmehr ist es die Vision, die wirklichkeitsferne Utopie, die das Werk thematisch strukturiert. So rief Dieter Wagner schon Mitte der 70er eine Bilderserie ins Leben, die sich in zahlreichen Variationen mit gesprengten Schranken, verlassenen Zollstellen, explodierenden Mauern und nutzlos gewordenen Stacheldrahtzäunen auseinander setzte. In den „Gärten, in denen es keine Grenzen mehr gibt“ war eine Utopie angedacht, der alle damalige Realität zu widersprechen schien. In Zeiten, da der kalte Krieg seinem Namen gemäß noch frostig kalt war, hätte niemand den Tagtraum offener Grenzen als umsetzbare Utopie erachten wollen. Die Geschichte ließ die Skeptiker ihre eigenen Worte schlucken – und wer am lautesten ge- und verlacht hatte, der hatte hinterher auch am meisten zu kauen.

Die Utopie in Dieter Wagners Werk ist auch heute nicht weniger provokativ und für uns Realisten Grund genug für heftige Kopfschüttelei. Da verfolgen wir ohne weiteres Aufmerken eine Reihe von Aquarellen, die eine Gruppe der immer selben Menschen beim friedlichen Ringelrein zeigt. Technisch perfekt, aber wo soll da die Utopie oder sie störende Wirkung des Traumes sein? Schon geneigt, sich anderen Arbeiten zuzuwenden, kommen wir schließlich zum vorerst letzten Bild der Serie, und hier stehen wir offenen Mundes vor seinem Titel: „Weltreligionen“. Die großen Weltreligionen im friedlichen Tanz miteinander? Was für ein naiver Unsinn. In Zeiten von Karikaturstreitereien, wo die Freiheit der Kunst selber auf dem Prüfstand steht und religiöse Konflikte verursacht, wo Kopftuchtragen in der Schule zum Politikum wird, wo Achsen des Guten und Bösen willkürlich daherdefiniert werden, in Zeiten von 9/11, von heiligen Kriegen, unheiligen Kriegen, Abu Ghraib und Susanne Osthoff – in solchen Zeiten stellt sich ein Dieter Wagner hin und lässt die großen Weltreligionen friedlich miteinander Ringelrein tanzen? Lächerlich. Genau: lächerlich. So lächerlich wie die gesprengten Grenzen der „Gärten“-Serie. Blanker Unsinn also.

Blanker Unsinn also? Die Gefahr, vor der wir am Anfang gewarnt haben, sollten wir nun alle deutlich vor Augen haben: ja, die Auseinandersetzung mit dem Werk Dieter Wagners kann durchaus zu erheblichen Wirklichkeitsstörungen führen. Und das lediglich mit der Hilfe von Träumen. Fatal. Aber wir Realisten können dennoch aufatmen. Denn zum Glück gibt es ein Gegengift: Augen zu, und direkt in die Tiefschlafphase abtauchen. Denn dort wird bekanntlich nicht geträumt.
 
>> siehe Meldung http://openpr.de/news/80535
 
 
 
>> Die Ausstellung in der Neuen Galerie des Landkreises Teltow-Fläming, Gutenbergstraße 1 in Wünsdorf-Waldstadt kann bis zum 23. April 2006 besucht werden. Die Galerie ist von Donnerstag bis Sonntag jeweils von 11 bis 15 Uhr geöffnet. Der 1943 in Konstanz geborene Kunstmaler und Konzeptionist Dieter Wagner schaut mittlerweile auf eine rund 40-jährige Schaffenskarriere zurück und präsentiert in der aktuellen Ausstellung hauptsächlich Arbeiten der vergangenen anderthalb Jahrzehnte. Wagner lebte zwischen 1970 und 1996 abwechselnd in Chicago, Berlin und Paris, und entwickelte so einen kosmopolitischen Stil mit großer Tendenz zur politischen Utopie. 1997 gründete Wagner das Atelier „Z“ im Landkreis Teltow-Fläming, wo er seitdem lebt und arbeitet. Große Teile seines Ouevres befinden sich heute in Privatsammlungen.
 
 
>> Ausführliche Informationen zu Werk und Person Dieter Wagners, sowie eine umfassende Auswahl an Abbildungen finden sich auf der offiziellen Homepage des Künstlers