(Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn) Das Thema "Kunstgeschichte im Nationalsozialismus" wurde von der Forschung lange Zeit vernachlässigt. Ein DFG-Projekt, an dem deutschlandweit fünf Institute beteiligt sind, will diese Lücke schließen helfen. Als erstes Ergebnis haben die Wissenschaftler - darunter auch Kunsthistoriker der Universität Bonn - nun eine online zugängliche Datenbank (http://www.welib.de/gkns) vorgestellt. Momentan lassen sich dort rund 1.000 Dokumentsätze zur deutschen Kunstgeschichte zwischen 1930 und 1950 recherchieren - von Briefwechseln und Postkarten über Fotos bis hin zu Beurteilungen von Künstlern und Dozenten oder Vermerken in Personalakten.
Am 16.5.1935 gaben Vertreter des NS-Deutschen Dozentenbunds dem Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung ihre Wünsche für die Besetzung Kunstgeschichtlicher Professuren zu Protokoll - darunter auch die an der Universität Bonn: "Brinckmann darf keinesfalls einen Ruf nach Bonn bekommen. Auf den Bonner Lehrstuhl mit seinen ausgezeichneten Arbeitsmöglichkeiten muss der beste verfügbare Nationalsozialist von wissenschaftlichem Rang berufen werden. (...) Die Bonner Dozentenschaft und die Deutsche Dozentenschaft wünschen ausschließlich die Berufung Stanges." Ihr Wunsch ging in Erfüllung: 1935 wurde der ausgewiesene Nationalsozialist Alfred Stange (1894-1968) auf den kunsthistorischen Lehrstuhl in Bonn berufen. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Fach zu einer der am stärksten nationalsozialistisch durchdrungenen Wissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität.

Das Schreiben des Dozentenbunds steht beispielhaft für die mehr als 1.000 Dokumente zu Kunsthistorikern und Künstlern in Deutschland während der NS-Zeit, die in der Online-Datenbank momentan aufgelistet sind. Darunter sind Vermerke in Personalakten, Bewertungen der politischen Zuverlässigkeit, aber auch Briefe, Postkarten und Fotos. Die Datenbank gibt so Einblick in die Arbeit von Dekanen und Rektoren zwischen 1930 und 1950 sowie in das Verhalten des NS-Dozentenbunds und -Studentenbunds. Doch das soll erst der Anfang sein: "Wir wollen es auch anderen Teilnehmern ermöglichen, dort ihre Dokumente einzustellen und zu verschlagworten, um so zu einer möglichst umfassenden Datenbasis zu kommen", erklärt die Bonner Kunsthistorikerin Ruth Heftrig.

An dem Projekt sind insgesamt fünf Partner beteiligt: Neben den Bonner Wissenschaftlern sind die kunsthistorischen Institute der Universitäten Berlin (HU), Hamburg und München (LMU) für die fachwissenschaftliche Seite zuständig. Mitarbeiter des Instituts für Softwaresysteme der TU Hamburg-Harburg sind für die technologische Forschung und Entwicklung zuständig. Über eine differenzierte Schlagwortliste lassen sich Verflechtungen, Kooperationen und Netzwerke innerhalb des Wissenschaftssystems Kunstgeschichte sichtbar machen. Zu jedem Dokument existiert zudem eine umfangreiche Zusammenfassung, die im Volltext recherchierbar ist. Zum Teil sind auch Fotos und gescannte Briefen oder Postkarten im Angebot enthalten. In Kürze soll es zudem Kommentar-Möglichkeiten und Diskussionsforen geben, über die sich die Nutzer miteinander austauschen können.

Nicht nur Kunsthistoriker können das neue Angebot nutzen: "Die Datenbank steht allen Interessierten offen - also beispielsweise auch Volkskundlern oder Vor- und Frühgeschichtlern", betont Ruth Heftrig. Prinzipiell ist auch eine Erweiterung auf völlig andere Disziplinen möglich. (idw)

>> Weitere Informationen:

> http://www.welib.de/gkns - Der Link zur Online-Datenbank