Unter 'Objet trouvé' (aus dem Französischem, 'gefundener Gegenstand') versteht man ein Objekt, einen Alttags- oder Naturgegenstand oder Teile desselben, der zum 'Kunstwerk' gemacht wird, indem der Künstler ihn 'findet' und in ein Kunstwerk verwandelt oder integriert. Zusätzliche Verfremdung durch beispielsweise Zerlegung oder neue Farbgebung ist dabei möglich. Im Umkreis des Dadaismus entstanden, als dreidimensionale Erweiterung der Collage konzipiert, z.B. mit verschiedensten Fundstücken in zweckfreier Kombination von trivialen Dingen und Materialien in neuen Sinnzusammenhängen zur Assemblage zusammengefügt, wird das objet trouvé 'missbraucht', seinem ursprünglichen Daseins-/ Gebrauchszweck beraubt. So überwiegt primär die formal-ästhetische Qualität der Gegenstände, die, in diesen neuen Kontext des 'Kunstwerkes' gesetzt, oft neue, 'überraschende' Eigenschaften entwickeln und Assoziationen auszulösen im Stande sind. Im Regelfall bleibt das Einzelobjekt als solches erkennbar, was eine Verbindung zwischen Kunstwerk und außerkünstlerischer Realität (sprich: Alltag) schafft. Spielerisch, anarchisch, provokant - das objet trouvé markiert las künstlerisches Gestaltungsprinzip den Charakter des Zufälligen sowie das spielerische Faktum der Kreativität. In der Dada- und Surrealismus-Kunst wurde es zum wichtigen Gestaltungselement erhoben.
Was in der Literatur galt, als literarische Vorwegnahme des (surrealistischen) objet trouvé - Lautréamonts formuliertes Bild 'Schön [...] wie die Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Operationstisch' (Lautréamont, Die Gesänge des Maldoror, in: ders. Das Gesamtwerk, Reinbek, 1988, S. 223.) - wurde auch in der Kunst Programm. Dieser metaphorische Kollage-Prozess der produktiven Kombinatorik, der Metapherngenese durch automatische Schreibweise, der psychische Automatismus findet Anwendung im zufällig, unbewusst Ausgewählten der Objektkünstler.
Als erster verwirklichte Marcel Duchamp das Konzept des objet trouvé in seinen Ready-mades, so z.B. in seinem 'Fahrrad-Rad (1913), 'Flaschenständer' (1914) oder 'Fontäne' (1917). 'Fahrrad-Rad' bestand noch aus einer Kombination aus Rad, Fahrrad-Vordergabel und Holzhocker; die anderen beiden Werke - ein industriell hergestelltes Drahtgestell zur Flaschentrocknung  und ein Urinal - werden unbearbeitet, für sich allein, auf einen Sockel gestellt und zu Kunst stilisiert.
Es entwickelten sich zahlreiche Spielarten dieser Objektkunst, die mit den verschiedensten ästhetischen und inhaltlichen Beweggründen der Künstle in Zusammenhang stehen.

>> Environment,  Nouveau Réalisme,  Fluxus,  Pop Art,  Land-Art

>> Assemblage,  Collage,  ObjektkunstReady-mades


Kellerer, Christian, Objet trouvé und Surrealismus, Reinbek b. Hamburg 1968.
Kellerer, Christian, Der Sprung ins Leere. Objet trouvé, Surrealismus, Zen, Köln 1982.
Rotzler, Willy, Objektkunst von Duchamp bis zur Gegenwart, Köln 1972 .